Die Eingangshalle, das Treppenhaus und der große Südsee-Saal prangten heute in Schmuck und Lorbeerbäumchen und Blattpflanzen. Gegen Mittag versammelten sich im letztgenannten Saale die geladenen Gäste, etwa 180 an der Zahl, zur Eröffnungsfeier. U.a. waren erschienen die Herren Regierungspräsident Dr. Steinmeister, Oberbürgermeister Becker, mehrere Beigeordnete und Stadtverordnete, sowie Vertreter der Behörden und von der Familie Rautenstrauch-Joest die Herren Eugen Rautenstrauch-Köln, Graf v Bernstorff, Julius Rautenstrauch-Antwerpen, Rautenstrauch-Trier und Dr. Karl Joest.
Herr Eugen Rautenstrauch ergriff zuerst das Wort zu folgender Ansprache:
"Meine hochverehrten Anwesenden! Ich möchte
mir zunächst erlauben, Ihnen meinen allerherzlichsten Dank dafür
auszusprechen, daß Sie in liebenswürdiger Weise so zahlreich unserm Rufe
gefolgt sind. Mit dem heutigen Tage ist, wie Sie wissen, dieses Museum
für Völkerkunde fertiggestellt worden, welches ich als eine Stiftung
meiner Familie der Stadt Köln übergeben soll. Ich will Ihnen zunächst in
kurzen Worten schildern, wie dieses Haus entstanden ist:
Mein Onkel, Prof. Wilhelm Joest, hatte auf langjährigen Reisen in allen
Ländern des Erdballs, gestützt auf ein vielseitiges Wissen und einem
vorzüglichen Sammlerinstinkt, eine Kollektion völkerkundlicher
Gegenstände sich erworben, die weit über das Maß dessen hinausging, was
man gemeiniglich von Reisen in fremden Erdteilen als Erinnerung mit nach
Hause zu bringen pflegt. Von den Indianern Nord- und Südamerikas, von
den eingeborenen Stämmen des afrikanischen und des australischen
Kontinentes, von den alten Kulturvölkern Asiens, kurzum aus der ganzen
Welt wußte Joest mit großem Geschick auf allen möglichen Wegen das
zusammenzutragen, was für das Leben und die Gewohnheiten der
verschiedenen Völkerschaften von typischem Interesse ist.
Diese Sammlung kam nach seinem Tode, der ihn mitten auf seinen
Forschungen auf einer einsamen Insel der Südsee dahinraffte, laut
testamentarischer Bestimmung an meine Mutter, seine einzige Schwester. -
Um diese Sammlung, welche die Lebensarbeit Joests dokumentiert, nicht
der Gefahr, im Privatbesitz zu verkümmern, auszusetzen, entschieden sich
meine Eltern dahin, dies Erbe durch Schenkung an ihre Vaterstadt Köln
der Öffentlichkeit zu übergeben. Abgesehen davon, daß diese Sammlung auf
diese Weise die zweckentsprechende Verwendung finden sollte,
beabsichtigten meine Eltern, in dankbarer Liebe zu ihrer Heimatstadt,
dem schönen Kranz öffentlicher Sammlungen eine weiter Blüte
hinzuzufügen, die den Mitbürgern, vor allem der heranwachsenden Jugend,
sowie den Besuchern der Handelshochschule das hochinteressante Studium
der Völkerkunde veranschaulichen sollte.
Als meine Eltern vor der definitiven Ausführung ihres Planes kurz
hintereinander starben, blieb uns Kindern ihr diesbezüglicher Wunsch und
Wille als heiliges Vermächtnis zurück. Im Andenken an die Eltern haben
wir der Völkerkunde in Köln dies eigene Heim errichtet. Bevor wir diese
Stiftung aus Händen geben, möchte ich an dieser Stelle meinem und meiner
Geschwister allerherzlichstem Dank Ausdruck geben für die
verständnisvolle Unterstützung, die dieses Werk bei den daran
mitwirkenden Herren gefunden hat. Zunächst möchte ich den Herrn
Oberbürgermeister Becker nennen, der sich mit ganz besonderer Wärme
dieses seines jüngsten Kindes angenommen hat, und keine Gelegenheit
versäumt, der Entwicklung dieses Hauses helfend und fördernd zur Seite
zu stehen. Wie vorzüglich die Herren Baumeister und Direktor es
verstanden haben, den bei einem derartigen Bau sich oft feindlich
gegenüberstehenden Wünschen der architektonischen Schönheit und der
praktischen Notwendigkeit gerecht zu werden, davon werden Sie sich
selbst überzeugen können.
So übergebe ich denn in meinem und meiner Geschwister Namen dies Museum
der Stadt Köln und knüpfe daran die sichere Zuversicht, daß unter der
Verwaltung der Stadt diese Stiftung zu Nutzen und Frommen der engeren
und weiteren Heimat sich entwickeln werde!"
Darauf trat Herr Oberbürgermeister Becker vor, um namens der Stadt Köln die Stiftung zu übernehmen, indem er folgendes ausführte:
"Für Ihr zahlreiches
Erscheinen zu diesem bescheidenen Festakte spreche ich Ihnen zunächst
den herzlichsten Dank aus. Es ist das ein Beweis für das rege Interesse,
welches Sie an dieser neuen Schöpfung zweier gemeinnütziger Familien
unserer Stadt nehmen. Leider fehlen hier heute die eigentlichen Stifter
des Museums, welche längst dahingeschieden sind, aber sie werden durch
ihre Kinder und Verwandten, welche die edeln Absichten der verstorbenen
Stifter treu durchgeführt haben, würdig vertreten.
Am 28. Juni 1899 schenkten der verstorbene Stadtverodnete Kommerzienrat
Eugen Rautenstrauch und seine Gemahlin geb. Joest der Stadt Köln eine
von dem verstorbenen Bruder der Frau Rautenstrauch, Professor Dr.
Wilhelm Joest, auf seinen zahlreichen Weltreisen erworbene reichhaltige
ethnografische Sammlung und legten damit den Grundstock zu diesem
Museum.
Die Sammlung wurde vorläufig im Bayenturm untergebracht und Ostern 1900
der Bürgerschaft zugänglich gemacht.
Am 1. August 1900 stiftete Frau Kommerzienrat Rautenstrauch zum Andenken
an ihren inzwischen verstorbenen Gemahl die Summe von 250 000 M. als
Baukapital zu einem Museum für Völkerkunde, das nach ihrem Wunsche den
Namen Rautenstrauch-Joest-Museum tragen sollte. Zugleich erklärte sie
sich bereit, zehn Jahre lang als Beitrag zu dem Gehalt eines
anzustellenden Direktors jährlich 2500 M. zur Verfügung zu stellen.
Die Stadt nahm beide Schenkungen mit lebhaftem Dank an. Als Direktor
wurde der noch jetzt an der Spitze des Museums stehende Direktor Foy,
bis dahin Direktionsassistent an einem gleichen Museum in Dresden,
gewonnen und als bessere Unterkunft konnte den inzwischen schon stark
vermehrten Museum im Jahre 1902 der größte Teil der Quatermarktschule
zur Verfügung gestellt werden.
Nachdem Frau Kommerzienrat Rautenstrauch sich noch im Dezember 1903
erboten hatte, auf diesem von der Stadt zur Verfügung gestellten Platze
am Ubierring mit Zuhilfenahme des von ihr bereits gestifteten Baufonds
das Museumsgebäude ganz auf ihre Kosten errichten zu lassen, folgte sie
leider ihrem Manne in den Tod. Ihre Kinder aber, die Herren Theodor und
Eugen Rautenstrauch, sowie die Frau Gräfin Maria von Bernstorff machten
die edle Absicht ihrer Mutter zu der Ihrigen und ließen diesen
Museumsbau durch die Architekten Ferdinand Schmitz und Joseph Crones auf
ihre Kosten ausführen.
Lebhaft bedauere ich es, daß Herr Theodor Rautenstrauch, der schon
seiner Mutter bei ihrem edlen Vorhaben zur Seite gestanden und sich bis
jetzt für den Bau und die Vermehrung der Sammlungen unausgesetzt
interessiert hat, und seine Schwester Frau Gräfin Bernstorff durch
Krankheit verhindert sind, an diesem Festakt teilzunehmen, desto mehr
freuen wir uns aber, Herrn Eugen Rautenstrauch, den Herrn Grafen
Bernstorff, den Herrn Julius Rautenstrauch aus Antwerpen, die Herren
Rautenstrauch aus Trier und Herrn Dr. Karl Joest hier begrüßen zu
können.
Heute steht das Rautenstrauch-Joest-Museum vollendet da, eine neue
Zierde unserer schönen Stadt, und jubelnd nimmt die Bürgerschaft an
diesem Festakt Anteil, durch welchen das Museum der Stadt und seiner
Benutzung übergeben werden soll. Der schöne, in allen Teilen wohl
durchgeführte Bau ist das Werk der bereits genannten ausführenden
Architekten, welche den Bau unter der Aufsicht des Baurats Heimann
trefflich durchgeführt haben.
Die von den Familien Rautenstrauch und Joest und zahlreichen andern
Geschenkgebern schon während der Bauausführung stark vermehrten
Sammlungen füllen bereits fast alle Räume des Museums. Die vortreffliche
Aufstellung der Kunstgegenstände und der bereits in Ihren Händen
befindliche Katalog sind das verdienstvolle Werk des Direktors Dr. Foy.
Indem ich hiermit das Museum namens der Stadt aus Ihren Händen, Herr
Rautenstrauch, übernehme, tue ich es mit dem aufrichtigsten und
lebhaftesten Danke an alle diejenigen, welche an diesem gemeinnützigen
Unternehmen irgendwelchen Anteil gehabt haben, vor allem mit dem
tiefgefühlten Dank an die Familien Rautenstrauch und Joest. Sie haben
sich durch diese großartige Stiftung das schönste Denkmal in unserer
Stadt gesetzt, und so lange das Museum steht, wird Ihr Name damit
verknüpft sein. Möchte es aber auch den erhofften Segen in vollem Maße
bringen und in ihm und durch dasselbe unsere Handelshochschule und die
ganze Bürgerschaft dauernde Anregung und Förderung finden. Das walte
Gott!"
Herr Regierungspräsident Dr. Steinmeister, beglückwünschte die Stadt Köln namens der Königlichen Staatsregierung für das hochherzige Geschenk des Rautenstrauch-Joest-Museums, mit dem sie eine neue Stätte der Wissenschaft und Belehrung in Besitz nehme. Er freue sich, nicht nur in Worten den Dank und die Anerkennung auszusprechen, sondern auch mitteilen zu können, daß Seine Majestät der für Köln so bedeutsamen Ereignisse gedacht und die Gnade gehabt habe, dem verdienstvollen Vorsitzenden des Vereins zur Förderung des Rautenstrauch-Joest-Museums, Herrn Dr. Karl Joest, und dem Forscher Georg Küppers-Loosen den Roten Adlerorden 4. Klasse, Herrn Eugen Rautenstrauch den Königlichen Kronenorden 4. Klasse zu verleihen. Indem der Herr Regierungspräsident die Auszeichnungen persönlich überreichte, brachte er auf den Schirmherrn des Reiches und der deutschen Wissenschaft, Kaiser Wilhelm II, ein dreifaches Hoch aus, in das die Festversammlung begeistert einstimmte.
Der Direktor des Museums, Herr Dr. Foy, sprach seinen Dank an die Stifter und Gönner des Vereins und an die Stadt aus, die es ermöglicht haben, daß dem ungenügenden Provisorium nunmehr ein Ende bereitet sei. Er verbreitete sich dann kurz über den Bau, über das Prinzip, nach dem er die Sammlungen geordnet, flocht verschiedentlich wissenschaftliches Material über die primitiven Urvölker ein und teilte mit, daß er die Absicht habe, später auch eine Sammlung zum Zwecke vergleichender Entwicklungsgeschichte zusammenzustellen, inzwichen müsse man sich mit Sonderausstellungen in dieser Richtung begnügen. Er schloß mit der Bitte um Beistand aller Freunde dieses völkerkundlichen Museums, damit es den verwandten Schwesterinstituten eine würdige Schwester bleibe und den Namen Rautenstrauch-Joest in aller Zukunft Ehre mache.
Hiermit schloß der Eröffnungsakt und die Teilnehmer besuchten darauf unter Führung des Herrn Direktors Dr. Foy auf einem Rundgang die einzelnen Abteilungen des Instituts, dessen reiche Schätze und deren übersichtliche Aufstellung, ebenso woe der stolze, praktisch eingerichtete Bau allgemeins Bewunderung erregten. Gegen 2 1/2 Uhr fanden sich die Gäste auf Einladung der Stadt wieder im großen Saale des Gürzenichs zusammen, um bei einem Festmahle den bedeutsamen Tag würdig zu beschließen.
(Quelle: Kölnische Zeitung, Abendausgabe vom 12.11.1906)