Das neuerbaute Heim für die großen ethnologischen Rautenstrauch-Joestschen Sammlungen, daß in seiner Gesamtdarstellung einer Zierde des südlichen Stadtteils bildet, wurde heute mittag durch einen feierlichen Festakt eröffnet.
Das stattliche Museum am Ubierring ist nach dem Entwurf des Architekten Edwin Crones in Köln von der Baufirma Ferdinand Schmitz massiv aus Stein, Eisen und Beton erbaut, und es sind dabei alle Bedürfnisse eines modernen Museumsgebäudes für Völkerkunde erfüllt worden. Es zeigt in seiner Anlage eine solche Entwicklungsmöglichkeit, daß der Hinterbau beträchtlich verlängert werden kann, und zwar um je sechs Fenster Breite in drei Stockwerken. Der Vorderbau besteht aus einem Untergeschoß, einem Hochparterre und zwei Obergeschossen, während der Hinterbau ein Erdgeschoß und zwei Obergeschosse umschließt, von denen die beiden letzten jedesmal auf halber Treppenhöhe gelegen sind. Die in hellgelbem Sandstein ausgeführte Fassade ist in einfacher Barockform des 17. Jahrhunderts gehalten. Das Giebelfeld des Mittelteils trägt das Kölner Wappen im Relief. Durch die Vorhalle gelangt man zum Vestibül und Treppenhaus, das mit Säulenstellungen und steigenden Kreuzgewölben versehen ist. In den Sälen ist auf jedes unnütze architektonische Beiwerk mit Absicht verzichtet worden, um die Sammlungen für sich allein wirken zu lassen. Reicher ist nur der Hörsaal ausgestattet, der im zweiten Obergeschoß des Vorderhauses gelegen ist und 140 Personen fassen kann. Zu der Eröffnung des Museums ist ein übersichtliche Festgabe in Form eines Führers von dem verdienstvollen Direktor Dr. Foy des Museums, das bisher sein der weiteren Öffentlichkeit verborgenes Leben in interimistischen Verhältnissen fristen mußte, herausgegeben worden.
Das Rautenstrauch-Joest-Museum gehört zu denjenigen gemeinsamen Anstalten der Stadt Köln, die sie der Opferwilligkeit ihrer Bürger verdankt. Drei grundlegende Stiftungen sind hier zu nennen, die sich sämtlich an den Namen der Familie Rautenstrauch knüpfen.
Im Jahre 1899 wurde der Stadt von Herrn und Frau Kommerzienrat Eugen Rautenstrauch der größte Teil der ethnologischen Sammlungen geschenkt, die ihnen Professor Dr. Wilhelm Joest hinterlassen hatte. Dieser, ein Kölner Kind, geboren am 15. März 1852, hatte auf seinen zahlreichen Reisen in allen Erdteilen mit großer Sachkenntnis ethnologisch gesammelt, wie er auch auf gleichem Gebiete eine reiche schriftstellerische Tätigkeit entfaltet hat, und war auf seiner letzten Reise in der Südsee nach der Abfahrt von Santa Cruz vor der Insel Ureparapara (Banksgruppe) am 25. November 1897 gestorben. Von einer kleinen, aber wertvollen Kollektion Benin-Altertümer abgesehen, die Kommerzienrat Eugen Rautenstrauch schon 1897 der Stadt geschenkt hat, bilden die Sammlungen Wilhelm Joests von rund 3400 Gegenständen den Grundstock des Museums. Besonders hervorzuheben ist daraus die Sammlung aus Santa Cruz, die in ihrer Ausdehnung und verhältnismäßigen Vollständigkeit ihresgleichen sucht.
Im Jahre 1900 war es wiederum Frau Kommerzienrat Eugen Rautenstrauch, die im Andenken an ihren kurz vorher gestorbenen Gatten der Stadt 250 000 M. als Grundkapital zu einem eigenen Museumsbau für Völkerkunde überwies, das den Namen "Rautenstrauch-Joest-Museum" führen sollte.
Gleichzeitig ist es auf ihre Initiative und ihren Opfersinn zurückzuführen, daß das Museum schon vom 1. Oktober 1901 ab eine eigene Verwaltung mit eigenem Direktor an der Spitze erhielt, während es bis dahin mit dem Naturhistorischen Museum vereinigt war.
Von demselben hohen Interesse getragen, das sich in diesen Stiftungen für die Begründung eines eigenen völkerkundlichen Museums in der Stadt Köln kundgibt, hat dieselbe Gönnerin 1903 sich bereit erklärt, das Museumsgebäude ganz auf eigene Kosten ausführen lassen zu wollen, falls die Stadt einen geeigneten Bauplatz zur Verfügung stellen würde. Die Stadtverordnetenversammlung nahm das Anerbieten mit dem Ausdruck des lebhaftesten Dankes an und bestimmte als Bauplatz ein Terrain am Ubierring, als Frau Kommerzienrat Rautenstrauch durch einen vorzeitigen Tod hinwegerafft wurde.
Ihre Kinder, Herr Theodor Rautenstrauch, Frau Gräfin Maria von Bernstorff, geb. Rautenstrauch und Herr Eugen Rautenstrauch übernahmen nun die Ausführung des Baues in geplanter Weise.
Inzwischen hatten die Sammlungen ihre erste Unterkunft im Bayenturm gefunden, es kam dann im Oktober 1901 ein Bureau im benachbarten Hafenamtsgebäude hinzu, und im nächsten Jahre erfolgte die Uebersiedelung eines Teiles der bereits durch anderweitige Schenkungen sehr vermehrten Sammlungen einschließlich des Bureaus nach der alten Quartermarktschule, wodurch sich eine provisorische wissenschaftliche Ordnung ermöglichen ließ. Der Zuwachs durch Ankäufe und Geschenke war jedoch weiterhin so groß, daß auch die neuen Räumlichkeiten bald wieder zu eng wurden und mehr als die Hälfte der Sammlungen nicht ausgestellt werden konnte.
Die Beendigung des im Frühjahr 1904 begonnenen Neubaues kam daher sehr gelegen. Im Sommer 1906 wurde darin die Neuaufstellung der Sammlungen in einer großen Reihe moderner eiserner Schränke mit Spiegelglasscheiben bewerkstelligt, und heute konnte, sehnlichst erwartet, die Einweihung stattfinden.
Was die Sammlungen anbetrifft, so erstrecken sie sich auf die meisten der außereuropäischen lebenden Völkergruppen, und umfassen augenblicklich rund 18500 Gegenstände. Die außerordentliche Vermehrung, die sich in dieser Zahl gegenüber dem Grundstock vom Jahre 1899 kundgibt, ist in erster Linie den vielen und wertvollen Geschenken zu verdanken, mit denen die Familie Rautenstrauch und ihre nähern Verwandten sowie andere hochherzige Bürger das Museum beständig (...) gefördert haben.
Seit vorigem Jahr hat sich daran auch der im Frühjahr 1904 begründete Verein zur Förderung des Rautenstrauch-Joest-Museums in bedeutender Weise beteiligen können. Dem aufmerksamen Besucher des Museums wird es nicht entgehen, wie trotz scheinbarer Gleichartigkeit jedes Untergebiet der geographisch-ethnologischen Provinzen seinen eigenen Charakter trägt. Das gilt insbesondere für Inselvölker, wo jede Insel oder Inselgruppe eigene Kulturformen entwickelt hat. Erst durch die säuberliche Trennung solcher Untergebiete von einander wird es ermöglicht, die Kultur der einzelnen Völker geschichtlich und entwicklungsgeschichtlich bewerten zu können.
So kann das Rautenstrauch-Joest-Museum als schönes Denkmal Kölner Bürgersinns, trotz der interimistischen Verhältnisse seit dem Jahre 1899, doch schon bei der heutigen Eröffnung in seinem neuen Heim den Anspruch auf wissenschaftliche Bedeutung erheben und für Einheimische und Fremde eine würdige Stätte der Anregung und Belehrung bilden.
Die Eröffnungsfeier fand heute mittag 12 Uhr im Mittelsaale des ersten Obergeschosses statt, der einen Teil der vortrefflichen Sammlungen von den Südsee-Inseln enthält. Das Treppenhaus (...) die Gänge und der Festsaal waren mit Blattpflanzen reich geschmückt. Es waren annähernd 150 Personen erschienen, u.a. als Vertreter der Familien Rautenstrauch und Joest die Herren Eugen Rautenstrauch, Graf v. Bernstorff, Julius Rautenstrauch aus Antwerpen, die Herren Rautenstrauch aus Trier und Dr. Karl Joest, ferner Regierungspräsident Dr. Steinmeister, Oberbürgermeister Becker, mehrere Beigeordnete und Stadtverordnete und Vertreter hiesiger Behörden.
Herr Eugen Rautenstrauch übergab zum Gedenken an seine Eltern im Namen seiner Geschwister und in seinem Namen die Stiftung der Familien Rautenstrauch und Joest an die Stadt und schilderte in kurzen Worten, wie diese Stiftung zustande gekommen ist. Er dankte dem Oberbürgermeister für seine Unterstützung, die er seinem jüngsten (...) mit besonderer Liebe gewidmet habe, den Baumeistern und dem Direktor, die es verstanden haben, die sich häufig feindlich gegenüberstehenden Fragen der Architektonik und der praktischen Notwendigkeit zu vereinigen. Indem er das Museum der Stadt übergab, knüpfte er daran den Wunsch, daß es sich zum Nutzen der engern und weitern Heimat entwickeln möge.
Oberbürgermeister Becker nahm nach Begrüßung der Festteilnehmer mit Worten herzlichen Dankes die hochherzige Stiftung der Familien Rautenstrauch und Joest im Namen der Stadt entgegen, bedauerte, daß die Begründer des Museums den heutigen Tag nicht mehr erleben können und dankte allen Stiftern von Sammlungen und Geschenken in beredten Worten. Nachdem er noch einen kurzen Rückblick über die Entstehung des Rautenstrauch-Joest-Museums geworfen, läßt er seine Ausführungen in folgende Worte ausklingen: Die vortreffliche Aufstellung der Kunstgegenstände und der bereits in Ihren Händen befindliche Katalog sind das verdinstvolle Werk des Direktors Dr. Foy. Indem ich hiermit das Museum namens der Stadt aus Ihren Händen, Herr Rautenstrauch, übernehme, tue ich es mit dem aufrichtigen und lebhaftesten Danke an alle diejenigen, welche an diesem gemeinnützigen Unternehmen irgendwelchen Anteil gehabt haben, vor allem mit dem tiefgefühlten Dank an die Familien Rautenstrauch und Joest. Die haben sich durch diese großartige Stiftung das schönste Denkmal in unserer Stadt gesetzt, und so lange das Museum steht, wird Ihr Name damit verknüpft sein. Möchte es aber auch den erhofften Segen in vollem Maße bringen und in ihm und durch dasselbe unsere Handelshochschule und die ganze Bürgerschaft dauernde Anregung und Förderung finden. Das walte Gott!
Regierungspräsident Dr. Steinmeister überbrachte die Glückwünsche der Staatsregierung an die Stadt, die mit dem Rautenstrauch-Joest-Museum eine neue Stätte der Wissenschaft in Besitz nehme. Er freue sich, nicht in Worten allein, Dank und Anerkennung auszusprechen, sondern auch mitteilen zu können, daß der Kaiser des heutigen Tages gedach und Veranlassung genommen habe, dem verdienstvollen Vorsitzenden des Vereins zur Förderung des Rautenstrauch-Joest-Museums, Dr. Karl Joest, und dem Forscher Georg Küppers-Loosen den Roten Adler-Orden 4. Klasse und Herrn Eugen Rautenstrauch den Kronenorden 4. Klasse zu verleihen. Er schloß mit einem Hoch auf den Kaiser.
Der Direktor des Museums Dr. Foy sprach seinen Dank an die Stifter und Gönner des Vereins und an die Stadt aus, die es ermöglicht haben, daß dem ungenügenden Provisorium nunmehr ein Ende bereitet ist. Er verbreitete sich dann kurz über den Bau, über das Prinzip, nach dem die Sammlungen geordnet, flocht verschiedentlich wissenschaftliches Material über die primitiven Urvölker eine und teilte mit, daß er die Absicht habe, später auch eine Sammlung zum Zwecke vergleichender Entwicklungsgeschichte zusammenzustellen (...). Er schloß mit der Bitte um Beistand aller Freunde dieses völkerkundlichen Museums, damit es den verwandten Schwesterinstituten eine würdige Schwester bleibe und den Namen Rautenstrauch-Joest in aller Zukunft Ehre mache.
An den Festakt schloß sich ein Rundgang unter der Führung des Direktors Dr. Foy, der eine kurze wissenschaftliche Erläuterung über die bemerkenswertesten Stücke der Sammlungen gab und die klare und übersichtliche Anordnung.
An den Rundgang schloß sich dann ein Festessen im Gürzenich an.
(Quelle: Kölnische Zeitung, Abendausgabe vom 12.11.1906)