Herr von Rautenstrauch, das Kölner Völkerkundemuseum geht auf Ihre
Großeltern zurück, die sowohl die ethnographische Sammlung als auch den
Bau am Ubierring gestiftet haben.
Können Sie sich an Ihren ersten, mit Bewusstsein erlebten Besuch im
Museum erinnern?
Ich bin als junger Mensch immer wieder im Museum gewesen. Ab wann ich mich erinnere? Etwa ab Ende der 20er Jahre, da war ich so sieben, acht Jahre alt, als meine Eltern mich dahin mitgenommen haben, vor allen Dingen dann auch Sonntagvormittags zu den Veranstaltungen des Vereins der Freunde des Museums, der heutigen "Gesellschaft für Völkerkunde". Aber ich erinnere mich auch noch an die Säle mit den großen Vitrinen, wo die Ethnographica, Speere, Masken, Stelen, alles, was Wilhelm Joest von seinen Weltfahrten mitgebracht und gesammelt hatte, ausgestellt waren.
Was ist heute noch von dem, was Sie früher im Museum gesehen haben, für den Besucher zugänglich?
Leider sehr wenig, das Museum ist ja heute ein Torso. Die Schausäle sind durch die Depots blockiert, weil die im Tiefkeller gelegenen Depoträume abgesoffen sind, bei Hochwasser des Rheines, und in einer Nacht- und Nebelaktion von zahlreichen helfenden Händen gerettet werden konnten. Deshalb kann nur sehr wenig gezeigt werden. Was davon aus der Präsentation der 20er Jahre stammt, weiß ich nicht, aber es sind wohl hauptsächlich Neuerwerbungen und Stiftungen aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Die Bestände der ursprünglichen Sammlung sind eher in den Depots zu suchen und zu finden. Das wird dann im Neubau hoffentlich viel besser werden.
Erfüllt Sie persönlich der Gedanke an den Neubau nicht auch mit Wehmut?
Ein bisschen schon, weil das Gebäude, wie es heute hier am Ubierring
steht, ja von meinen Eltern und Großeltern gestiftet worden ist.
Zur gleichen Zeit entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts in
unmittelbarer Nachbarschaft die Vorgängerin der Universität, die
Handelshochschule, die Ingenieurschule, die Werkskunstschule und die
Musikschule. Dieses Viertel sollte das Quartier der höheren Bildung
Kölns sein. Nach dem 1. Weltkrieg wurde klar, dass die Anforderungen an
universitäre Bildung sehr viel größer wurden, und so legte Konrad
Adenauer zu Recht die neue Volluniversität nach Lindenthal, wo Platz
genug für alle Fakultäten war. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die
Ingenieurschule auch vom Ubierring weggelegt, aber statt dessen die
Fachhochschule für Restaurierung dort angesiedelt, die allerdings auch
eine wichtige Institution für unser Museum ist.
Immer noch leidet das Haus aber darunter, dass es bisher so gut wie
keine Parkplätze gab für Besucher, die mit dem Pkw anfahren. Es ist zwar
vor Kurzem eine große Tiefgarage am Rheinufer gebaut worden, aber auch
von dort sind es mehrere hundert Meter bis zum Museum. So habe ich es doch sehr
begrüßt, dass die Stadt sich entschlossen hat, einen Neubau zu
errichten. Dass das mehr als ein Jahrzehnt gedauert hat, ist ein
anderes, trauriges Kapitel Kölner Stadtgeschichte. Aber wenn es nun doch
demnächst losgeht, dann soll mich das freuen.
Durch den verzögerten Baubeginn wird die Eröffnung des neuen Hauses
nun wahrscheinlich erst 2007 stattfinden.
Wie kann der Förderverein dazu beitragen, das Museum bis dahin im
Gespräch zu halten?
Die Bezeichnung "Gesellschaft für Völkerkunde", die der Verein seit der Nachkriegszeit trägt, soll dokumentieren, dass wir nicht nur das Museum fördern, sondern überhaupt in der nationalen und internationalen Ethnologie einen Sitz haben wollen und auch haben durch die Sammlungen und Publikationen. Das Museum bleibt aber auch durch die von der Gesellschaft durchgeführten und unterstützten Veranstaltungen sowohl im wissenschaftlichen als auch im unterhaltenden Bereich im Gespräch. Mit Vorträgen, Filmen, Konzerten und auch den "Ethno-Disko"-Abenden usw. werden wir auch weiterhin bemüht sein, Besucher anzuziehen. Seit einigen Jahren organisieren wir einen "Markt der Völker" an den Pfingsttagen, zu dem immer wieder mehrere tausend Menschen herkommen, um an den Ständen der Händler kunsthandwerkliche Erzeugnisse vor allem aus außereuropäischen Ländern zu erwerben. Wir unterstützen auch das jährlich stattfindende Museumsfest und die Museumsnacht, - die immer wieder Hunderte von Menschen in dieses Museum führen, darunter auch viele Erstbesucher. Man kann schon viel tun, um die Attraktivität zu erhöhen, selbst an einem solchen Standort wie diesem, aber im neuen Haus wird das natürlich noch ganz andere Dimensionen bekommen können.
Die Gesellschaft zur Förderung des Rautenstrauch-Joest-Museums wurde
zwei Jahre vor der Eröffnung des Hauses 1906 gegründet, das heißt also,
dass es schon damals einen größeren Kreis von engagierten Bürgern gab,
die ein solches Institut wollten und auch bereit waren, etwas dafür zu
tun.
Wie sah die Arbeit des Fördervereins in der Frühzeit des Museums
aus?
Der Förderverein, die jetzige Gesellschaft für Völkerkunde, ist 1904 gegründet worden, aber das Museum als städtische Einrichtung gibt es schon seit 1901. Wir haben ja 2001 groß den 100. Geburtstag des Museums gefeiert. Die Sammlungsgegenstände waren damals in anderen Räumen, hier in der Nähe an der alten Stadtmauer - der Bottmühle, dem Bayenturm und dem früheren Naturhistorischen Museum - untergebracht, und die Familie hat sich dann, als sie sah, dass die Stadt mit einem Bau nicht überkam, bereit erklärt, das Haus völlig auf eigene Kosten zu erstellen und auch für 10 Jahre das Gehalt des Direktors zu übernehmen. Der Gesellschaft gelang es von vornherein, weite Kreise der Kölner Bürgerschaft, vor allem auch der damals noch sehr stark vorhandenen Großbürgerschaft für dieses neue Museum zu interessieren, weil es die Stiftung eines ihrer bekannten Mitbürger war. Wir haben dann in den ersten 15 Jahren, also bis zum ersten Weltkrieg, eine große Anzahl von Zustiftungen und Sammlungs-Ankäufen gehabt. Der Förderverein war immer sehr tüchtig darin, Bürger zu Stiftungen zu animieren oder die Sammlung durch gezielte Ankäufe zu erweitern. Das ist auch nach wie vor die Aufgabe der heutigen "Gesellschaft für Völkerkunde" neben den Publikationen der Reihe "Ethnologica", in der wissenschaftliche Forschungsergebnisse veröffentlicht werden.
Dennoch haben Völkerkundemuseen heute andere Ziele und Konzepte als vor 100 Jahren. Hat es auch bei der Mitgliederstruktur der Gesellschaft einen Wandel gegeben?
Das ist richtig, Völkerkundemuseen hatten vor 100 Jahren die Aufgabe,
deutsche junge Menschen mit den kultischen Gebräuchen und Gegenständen
der außereuropäischen Völker bekannt zu machen. Heute gibt es die
Situation, dass viele der insgesamt 180 000 bei uns lebenden
ausländischen Mitbürger, das sind in Köln vor allem rund 90 000 Türken,
ihre eigenen kulturellen Wurzeln teilweise gar nicht mehr kennen. Da
gehört es zu den zeitgemäßen Aufgaben eines Völkerkundemuseums, ein
Forum der Kulturen der Welt zu sein. Diese angemessen darzustellen, auch
im Kulturvergleich; das war ein großes Anliegen von Gisela Völger, der
vorletzten Direktorin des Hauses. Auch im Neubau wird großer Wert darauf
gelegt, dass man die einzelnen Kulturen nach Themen geordnet
gleichberechtigt nebeneinander stellt. Die Gesellschaft für Völkerkunde
hat sich dem angepasst und bietet inzwischen auch sehr viel mehr
kulturvergleichende Veranstaltungen. Aber im Mittelpunkt steht immer
das, wofür sie vor 100 Jahren angetreten ist: die Veröffentlichung von
Forschungsergebnissen und die Bereicherung der Sammlungen. Heute müssen
wir leider wegen der mangelnden Finanzierung seitens der Stadt für ihre
Museen auch Kosten übernehmen, die eigentlich nicht vom Förderverein
getragen werden sollten. Aber die Haushaltssituation der Stadt ist zur
Zeit so desolat, dass es notwendig ist, auch dazu beizutragen, den
Betrieb des Museums überhaupt aufrecht zu erhalten.
Die Mitgliederstruktur der Gesellschaft hat sich insofern verändert, als
vor 100 Jahren eine breitere Schicht von Großbürgern vorhanden war, die
sich alle sehr gut untereinander kannten und miteinander austauschten,
die sich auch mit dem neuen Museum, das einer von ihnen gestiftet hatte,
identifizierte, und bei denen das Mäzenatentum zum Lebensstil gehörte.
Heute haben wir eine Mitgliederschaft, die stärker akademisch
interessiert ist, die sich für die Probleme der Dritten Welt
interessiert, die gerne reist. Oft werden auf diesen Reisen Gegenstände
erworben und dem Museum zur fachlichen Begutachtung vorgestellt. So gibt
es verschiedene Motive für den Beitritt zur Gesellschaft. Auch der
Wunsch, dem Museum zu einem späteren Zeitpunkt Teile der eigenen
Sammlungen zu stiften, ist gelegentlich der Grund.
In welcher Zeit gab es den höchsten Mitgliederstand?
Den höchsten Mitgliederstand hat es, soweit ich mich erinnere, zwischen den beiden Kriegen gegeben. Aber durch den 2. Weltkrieg ist er abgesackt. In den 50er Jahren unter der Direktion von Willi Fröhlich, der gute Kontakte zur Bonner Diplomatie hatte und es verstand die Botschaften auf das Haus aufmerksam zu machen, hat sich der Kreis wieder erweitert. In Höchstzeiten gab es über 600 Mitglieder. Das ist dann aufgrund der schlechten Ausstellungsmöglichkeiten nach den Hochwassereinbrüchen und den daraufhin umgelagerten Depots auf ca. 400 Mitglieder geschrumpft. Aber ich hoffe, dass wir durch das neue Haus und neue Aktivitäten bald wieder auf diese alte Höchstzahl kommen.
Wie geht es der Gesellschaft für Völkerkunde zur Zeit finanziell und welche Aktivitäten planen Sie in nächster Zeit?
Finanziell geht es uns so gut, wie unsere Mitglieder uns mit ihren Beiträgen und Spenden füttern. Das ist immerhin so, dass wir unser umfangreiches Veranstaltungsprogramm weiter durchführen und finanzieren können. Für besondere Projekte wie das 100 jährige Jubiläum der Gesellschaft 2004 werden Kuratoren, fördernde Mitglieder und andere Kreise dieser Stadt angesprochen und zu einer besonderen Spendenaktion aufgerufen, um die Mittel zur Finanzierung zusammenzubekommen. Das ist bisher noch immer gelungen, und ich hoffe, dass wird auch in der Zukunft so sein.
Welche Nutzung wünschen Sie sich für das nach dem Umzug freiwerdende Gebäude am Ubierring?
Dieses Haus ist ja nach dem Krieg als Kammerspielsaal in der Bel Étage ausgebaut worden. Die Stadt trat damals an meinen Vater heran , weil alle Theatergebäude der Stadt zerstört waren. Er hat das genehmigt, und so ist hier ein sehr praktikabler Bühnenraum mit Drehbühne, Schnürboden usw. entstanden. Das ist alles noch vorhanden, und deshalb könnte sich dieser Bau sehr gut für Medieneinrichtungen eignen, die sich der darstellenden Kunst widmen. Die Stadt wird dieses Gebäude wohl verkaufen. Natürlich steht es unter Denkmalschutz wie alle Gebäude dieser Straße, die damals der Architekt Crones mit meinem Onkel Theo hier errichtet hat. Insofern wäre dies ein guter Medienstandort, zumal ja mit dem Ausbau des Rheinauhafens auch wieder mehr Leben in die Südstadt kommt, die nach wie vor gerade für junge Leute eine attraktive Umgebung ist.
Was reizt Sie an den Möglichkeiten, die der Neubau bieten wird, am meisten?
Der Neubau bietet - so wie die Pläne zur Zeit aussehen - eine
phantastische Möglichkeit, das Museum in einzelnen Themenkomplexen
darzustellen, nach denen es in Zukunft geordnet sein wird. Wir haben ja
schon sehr genaue Vorstellungen über die Aufteilung der neuen Räume. Im
Erdgeschoss gibt es vor allen Dingen ein sehr großes Foyer, in dem unser
großes Prunkstück, der Reisspeicher, stehen wird, den wir vor über 20
Jahren aus Indonesien ankaufen konnten, so dass sich da ein Blickfang
ergibt, der auch von der Straße aus sichtbar sein sollte. Ich glaube,
dass wir da sehr gute Voraussetzungen haben werden, unser Programm zu
intensivieren und gleichzeitig die Passanten der sehr belebten
Cäcilienstraße aufmerksam zu machen, dass hier etwas Interessantes
geboten wird.
Uns schwebt vor, dass das neue Haus ein Treffpunkt wird für die
ausländischen Bürger, die in unserer Stadt wohnen, was durch die
zentrale Lage und die gute Verkehrsanbindung über den Neumarkt natürlich
erleichtert wird. Und um noch einmal auf den türkischen Schwerpunkt in
Köln zurückzukommen: Wir haben ja die Sammlung Max von Oppenheim, die
vor kurzem hier am Ubierring als Sonderausstellung gezeigt wurde, die
ein umfangreiches Konvolut osmanischer Objekte und islamischer
Darstellungen umfasst. Ich glaube, dass das attraktiv sein kann für die
türkischen Mitbürger. Es ist ja doch so, dass viele von ihnen bereits
Jahrzehnte lang in dieser Stadt wohnen und die Kinder, die hier
aufgewachsen sind, längst Deutsche wurden, aber vielfach nicht mehr das
Bewusstsein haben, aus welchem kulturellen Umfeld sie eigentlich
herkommen. Ich glaube, die Wurzeln dieser Menschen aufzuzeigen ist mit
eine gute Aufgabe für das Rautenstrauch-Joest-Museum.
(Das Gespräch führte Frau Karin Bolenius im September 2003)